Zahnstaffel bei Zahnzusatzversicherungen: Wie viel Leistung in den ersten Jahren ist wirklich gut?
Ein Tarif zahlt 100 Prozent für Zahnersatz – ein anderer nur 90 Prozent. Ist der 100-Prozent-Tarif automatisch besser?
Gerade in den ersten Versicherungsjahren lautet die Antwort überraschend häufig:
Nein.
Der Grund ist die sogenannte Zahnstaffel.
Sie kann darüber entscheiden, ob eine Zahnzusatzversicherung bei einer größeren Rechnung tatsächlich 800 Euro, 2.000 Euro oder 4.000 Euro erstattet – selbst wenn auf der Produktseite groß „100 Prozent Zahnersatz“ steht.
Deshalb gehört die Zahnstaffel zu den wichtigsten, aber am häufigsten unterschätzten Vergleichskriterien einer Zahnzusatzversicherung.
Was ist eine Zahnstaffel?
Eine Zahnstaffel begrenzt die maximale Versicherungsleistung während der ersten Vertragsjahre.
Ein vereinfachtes Beispiel:
- 1. Versicherungsjahr: maximal 1.000 Euro
- 1.–2. Versicherungsjahr: maximal 2.000 Euro
- 1.–3. Versicherungsjahr: maximal 3.000 Euro
- ab dem 4. Versicherungsjahr: unbegrenzt im tariflichen Rahmen
Der Tarif kann trotzdem grundsätzlich 100 Prozent Zahnersatz versichern.
Innerhalb der Anfangsjahre wird die tatsächliche Auszahlung jedoch zusätzlich durch diese Höchstbeträge begrenzt.
Der häufigste Denkfehler: Die Beträge werden nicht unbedingt addiert
Steht in den Bedingungen beispielsweise:
- 1. Jahr: 1.000 Euro,
- 1.–2. Jahr: 2.000 Euro,
- 1.–3. Jahr: 3.000 Euro,
bedeutet das normalerweise nicht:
1.000 + 2.000 + 3.000 = 6.000 Euro.
Vielmehr handelt es sich häufig um kumulierte Höchstbeträge.
Nach drei Jahren stehen in diesem Beispiel also insgesamt maximal 3.000 Euro innerhalb der Staffel zur Verfügung.
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Beispiel: Bereits 800 Euro verbraucht
Der Tarif sieht in den ersten beiden Versicherungsjahren insgesamt maximal 2.000 Euro Leistung vor.
Im ersten Jahr wurden bereits 800 Euro für eine Behandlung erstattet.
Dann stehen innerhalb dieser kumulierten Begrenzung noch:
1.200 Euro
zur Verfügung.
Genau deshalb sollte man eine Zahnstaffel niemals nur anhand der größten Zahl in einer Werbetabelle beurteilen.
Zahnstaffel und Wartezeit sind NICHT dasselbe
Diese beiden Begriffe werden häufig verwechselt.
Wartezeit
Während einer echten Wartezeit besteht für bestimmte Leistungen zunächst noch kein Leistungsanspruch.
Zahnstaffel
Bei einer Zahnstaffel kann bereits Versicherungsschutz bestehen, aber die maximale Auszahlung ist in den ersten Jahren begrenzt.
Ein Tarif kann also keine Wartezeit haben und trotzdem eine Zahnstaffel besitzen.
Warum gibt es Zahnstaffeln überhaupt?
Ohne anfängliche Begrenzung könnte theoretisch jemand einen Tarif für wenige Monate bezahlen und unmittelbar danach beispielsweise mehrere Implantate im Wert von 15.000 Euro durchführen lassen.
Das würde die Kalkulation des Versicherungskollektivs erheblich erschweren.
Die Zahnstaffel begrenzt deshalb das finanzielle Risiko des Versicherers in den ersten Vertragsjahren.
Für den Verbraucher hat das langfristig nicht zwingend einen großen Nachteil, wenn nach Ablauf der Staffel keine entsprechende jährliche Summengrenze mehr besteht.
Ist eine Zahnstaffel deshalb schlecht?
Nein.
Eine Zahnstaffel ist bei hochwertigen Zahnzusatzversicherungen vollkommen üblich.
Entscheidend ist vielmehr:
- Wie hoch sind die Grenzen?
- Wie lange gelten sie?
- Wie schnell steigen sie?
- Wann entfallen sie vollständig?
- Gibt es Ausnahmen, beispielsweise bei Unfall?
Was ist eine gute Zahnstaffel?
Eine pauschale Grenze gibt es nicht.
Als Verbraucher würde ich aber besonders darauf achten, dass bereits in den ersten zwei bis drei Jahren ausreichend Leistung für mindestens eine größere Versorgung vorhanden ist.
Eine Staffel von beispielsweise:
500 / 1.000 / 1.500 / 2.000 Euro
ist deutlich restriktiver als:
1.500 / 3.000 / 4.500 / 6.000 Euro.
Das bedeutet allerdings noch nicht automatisch, dass der zweite Tarif insgesamt besser ist.
Beitrag und langfristige Versicherungsleistungen müssen ebenfalls stimmen.
Allianz MeinZahnschutz: interessantes Staffelkonzept
Ein gutes reales Beispiel liefert Allianz MeinZahnschutz.
Aktuell gelten beispielsweise im MeinZahnschutz 90 kumulierte Erstattungsgrenzen von:
- 1. Versicherungsjahr: 1.000 Euro,
- 1.–2. Versicherungsjahr: 2.000 Euro,
- 1.–3. Versicherungsjahr: 3.000 Euro,
- danach: im tariflichen Rahmen ohne diese Anfangsbegrenzung.
Bemerkenswert ist außerdem, dass Allianz mit drei Staffeljahren arbeitet.
Dadurch wird die Anfangsbegrenzung vergleichsweise schnell überwunden.
Warum eine kurze Zahnstaffel wertvoll sein kann
Nehmen wir zwei ansonsten vergleichbare Tarife.
Tarif A begrenzt die Leistung vier Jahre.
Tarif B nur drei Jahre.
Wenn beide langfristig ähnliche Leistungen bieten, erreicht Tarif B früher den uneingeschränkten tariflichen Leistungsumfang.
Das kann ein echter Vorteil sein.
100 Prozent mit schwacher Staffel oder 90 Prozent mit starker Staffel?
Jetzt kommen wir zur wahrscheinlich interessantesten Frage.
Angenommen, ein Implantat inklusive Krone kostet:
4.000 Euro.
Wir vereinfachen bewusst und betrachten nur die verfügbare Versicherungsleistung.
Tarif A
100 Prozent Zahnersatz.
Verbleibende Zahnstaffel:
1.500 Euro.
Tarif B
90 Prozent Zahnersatz.
Verfügbare Zahnstaffel:
4.000 Euro.
90 Prozent von 4.000 Euro wären theoretisch 3.600 Euro.
Tarif A könnte aufgrund der Staffel dagegen trotz „100 Prozent“ auf 1.500 Euro begrenzt sein.
Der 90-Prozent-Tarif kann in dieser konkreten Situation also deutlich mehr zahlen.
Genau deshalb reicht „100 Prozent“ für einen Tarifvergleich nicht aus
Für einen guten Zahnzusatzvergleich sollten mindestens vier Ebenen betrachtet werden:
- prozentuale Erstattung,
- Zahnstaffel,
- GOZ- und Leistungsdefinitionen,
- langfristiger Beitrag.
Erst das Zusammenspiel ergibt das tatsächliche Preis-Leistungs-Verhältnis.
Wann ist eine starke Zahnstaffel besonders wichtig?
Besonders hoch würde ich die Zahnstaffel gewichten bei Menschen, die:
- bereits viele Kronen oder Brücken besitzen,
- mehrere große Füllungen haben,
- umfangreich versorgte Zähne besitzen,
- langfristig ein erhöhtes Zahnersatzrisiko haben oder
- erst in höherem Alter eine Zahnzusatzversicherung abschließen.
Warum ist die Staffel für einen 22-Jährigen oft weniger kritisch?
Ein 22-Jähriger mit vollständig gesundem und unversorgtem Gebiss hat statistisch und praktisch häufig ein geringeres kurzfristiges Risiko für umfangreichen Zahnersatz als jemand mit 58 Jahren und acht vorhandenen Kronen.
Für einen jungen Versicherten kann deshalb das langfristige Preis-Leistungs-Verhältnis stärker wiegen als eine besonders großzügige Anfangsstaffel.
Warum ist sie mit 55 oder 60 wichtiger?
Wer bereits zahlreiche Füllungen, Kronen oder Brücken besitzt, hat mehr vorhandene Versorgungen, die zukünftig erneuert werden könnten.
Dann kann eine niedrige Staffel gerade in den ersten Vertragsjahren unangenehm werden.
Was passiert bei einem Unfall?
Viele Tarife sehen vor, dass die anfänglichen Summenbegrenzungen bei einem versicherten Unfall entfallen oder anders behandelt werden.
Das ist sinnvoll:
Ein Unfall lässt sich nicht gezielt kurz nach Versicherungsabschluss planen.
Die konkrete Unfallregelung sollte dennoch immer in den jeweiligen Versicherungsbedingungen geprüft werden.
Kalenderjahr oder Versicherungsjahr?
Auch das kann einen erheblichen Unterschied machen.
Manche Staffelregelungen orientieren sich an Versicherungsjahren, andere Tarifmechaniken können mit Kalenderjahren beziehungsweise Rumpfjahren arbeiten.
Dadurch kann der Abschlusszeitpunkt Einfluss darauf haben, wie schnell die nächste Staffelstufe erreicht wird.
Praxisfall: Abschluss im Dezember
Bei einem Tarif mit kalenderjahrbezogener beziehungsweise entsprechend definierter Staffel kann ein Dezemberabschluss anders wirken als ein Abschluss im Januar.
Deshalb sollte man nicht automatisch davon ausgehen, dass „erstes Jahr“ immer exakt zwölf Monate bedeutet.
Was passiert nach der Zahnstaffel?
Bei einem guten Tarif sollte die anfängliche Summenbegrenzung nach Ablauf des definierten Zeitraums vollständig entfallen.
Das bedeutet jedoch nicht, dass anschließend jede beliebige Rechnung automatisch zu 100 Prozent bezahlt wird.
Weiterhin gelten:
- der tarifliche Erstattungssatz,
- versicherte Leistungen,
- GOZ-Regelungen,
- medizinische Notwendigkeit und
- sonstige Versicherungsbedingungen.
Eine hohe Staffel macht einen schlechten Tarif nicht gut
Das ist die andere Seite.
Ein Tarif könnte beispielsweise in den ersten Jahren sehr großzügige Grenzen besitzen, langfristig aber nur 70 oder 75 Prozent Zahnersatz erstatten.
Ein anderer Tarif startet etwas restriktiver, bietet anschließend aber dauerhaft 90 oder 100 Prozent.
Wer die Versicherung 20 oder 30 Jahre halten möchte, sollte deshalb die Anfangsjahre nicht überbewerten.
Preis-Leistungs-Bewertung: Wie wichtig ist die Zahnstaffel?
Unsere Einordnung:
Die Zahnstaffel ist ein wichtiges Qualitätsmerkmal – aber kein alleiniger Kaufgrund.
Bei einem jungen gesunden Versicherten würde ich für eine etwas bessere Staffel nicht unbegrenzt Mehrbeitrag zahlen.
Bei einem älteren Versicherten mit vielen vorhandenen Versorgungen kann eine starke Staffel dagegen erheblich wertvoller sein.
Checkliste für eine gute Zahnstaffel
- Wie viel steht im ersten Jahr zur Verfügung?
- Wie hoch ist die kumulierte Leistung nach zwei Jahren?
- Wie hoch ist sie nach drei Jahren?
- Wie lange dauert die Staffel insgesamt?
- Wann entfällt sie vollständig?
- Entfällt sie bei Unfall?
- Was wurde bereits aus der Staffel verbraucht?
- Wie hoch ist die eigentliche Zahnersatzquote?
FAQ zur Zahnstaffel
Was bedeutet Zahnstaffel bei einer Zahnzusatzversicherung?
Die Zahnstaffel begrenzt die maximale Versicherungsleistung während der ersten Vertragsjahre.
Ist Zahnstaffel dasselbe wie Wartezeit?
Nein. Bei einer Zahnstaffel besteht grundsätzlich bereits Versicherungsschutz, die Höhe der Leistung ist aber begrenzt. Bei einer Wartezeit besteht für die betroffene Leistung zunächst noch kein Anspruch.
Sind 1.000 Euro im ersten Jahr gut?
Das hängt vom restlichen Tarif ab. Für kleinere Behandlungen kann die Grenze ausreichend sein, bei einem Implantat oder mehreren Kronen kann sie schnell erreicht werden.
Werden die Staffelbeträge jedes Jahr addiert?
Bei kumulierten Staffeln nein. Eine Angabe wie 1.000 Euro im ersten und 2.000 Euro in den ersten beiden Jahren bedeutet typischerweise insgesamt maximal 2.000 Euro innerhalb der ersten zwei Jahre.
Was ist wichtiger: 100 Prozent oder eine hohe Zahnstaffel?
Langfristig ist eine hohe Erstattungsquote sehr wertvoll. Kurzfristig kann jedoch ein 90-Prozent-Tarif mit hoher verfügbarer Staffel mehr erstatten als ein 100-Prozent-Tarif mit niedriger Staffel.
Gibt es Zahnzusatzversicherungen ohne Zahnstaffel?
Es gibt unterschiedliche Tarifkonzepte. Eine Anfangsbegrenzung ist bei vielen leistungsstarken Tarifen jedoch üblich und allein kein Zeichen für einen schlechten Tarif.
Fazit: Nicht nur auf 80, 90 oder 100 Prozent schauen
Die Zahnstaffel entscheidet darüber, wie viel eine Zahnzusatzversicherung gerade in den ersten Vertragsjahren tatsächlich zahlen kann.
Ein 100-Prozent-Tarif mit nur noch 1.500 Euro verfügbarer Anfangsleistung kann bei einer großen Rechnung schlechter abschneiden als ein 90-Prozent-Tarif mit einer wesentlich höheren verfügbaren Staffel.
Langfristig sollte die Zahnstaffel aber immer gemeinsam mit Zahnersatzquote, Leistungen und Beitrag bewertet werden.
Die beste Zahnzusatzversicherung ist deshalb nicht automatisch der Tarif mit der höchsten Prozentzahl oder der höchsten Zahnstaffel.
Entscheidend ist das Verhältnis aus kurzfristig verfügbarer Leistung, langfristigem Versicherungsschutz und Beitrag.
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